Nordendorf – Pisa, August 1990

812 km / 6 Etappen

Die Mehrtagestour im August 1990 war in vielerlei Hinsicht etwas besonderes. Vor allem aber weckte sie in mir das Pässefieber. Mit dem Rennrad war ich bis dahin zwar schon seit einigen Jahren unterwegs und auch eine erste Mehrtagestour nach Frankreich ein Jahr zuvor hatte ich bereits in den Beinen. Was allerdings fehlte, waren Erfahrungen in den Alpen (bis dahin stand lediglich der Col de la Schlucht zu buche). So beschlossen wir (Thomas als Mitradler, Angelika, die das Begleitfahrzeug lenkte und meine Wenigkeit) damals, von unserem Wohnort in sechs Etappen nach Pisa zu radeln.

Dass diese Tour erst jetzt auf meiner Website landet, liegt hauptsächlich daran, dass ich erst vor kurzem ein paar Fotos in einem alten Album gefunden habe. Die Qualität der gescannten Bilder ist zwar nicht gerade optimal, doch für mich ist es natürlich eine schöne Erinnerung und für Euch hoffentlich eine Anregung für eine Tour von Süddeutschland in die Toscana.

Noch ein Wort zum damaligen Arbeitsgerät (siehe Bild): Mein Rennrad war ein Herkules mit wachsweichem Stahlrahmen, Hakenpedale und einer 10(!)-Gang-Schaltung von Sachs. Falls sich jemand für so eine Rarität interessieren sollte, das gute Stück gibt’s noch 😉

1. Etappe: Nordendorf – Mittenwald

172 km / 900 Hm

Der erste Tagesabschnitt stand unter dem Motto Einrollen. Von Nordendorf aus, etwa 30km nördlich von Augsburg gelegen, konnten wir zunächst bis Schongau (etwa 90km) immer dem Lechtal folgen. Erst dann wird’s etwas hügeliger, entlang der B23 allerdings auch verkehrsreicher. Ein erster kleiner Höhepunkt ist die Abfahrt von Kloster Ettal nach Oberau, 10km vor Garmisch. Kurvenreich kann man hier mit dem motorisierten Verkehr gut mitfließen. Zum Tagesziel mussten dann allerdings nochmals die letzten Reserven mobilisiert werden, da die Strecke von Garmisch nach Mittenwald fast kontinuierlich ansteigt und am Ende immerhin 172km auf dem Tacho standen.

Streckenverlauf: Nordendorf – Meitingen – Biberbach – Augsburg – Bobingen – Großaitingen – Untermeitingen – Igling – Denklingen – Schwabsoien – Schongau – Peiting – Oberammergau – Ettal – Garmisch-Partenkirchen – Mittenwald

2. Etappe: Mittenwald – Sterzing

103 km / 1400 Hm

Als zweites Etappenziel war Sterzing geplant. Und da wir bereits am ersten Tag gut vorgelegt hatten, verkürzte sich dieser Abschnitt auf etwa 110km. Zunächst ging’s über die Grenze nach Österreich auf der relativ stark befahrenen Bundesstraße bis Seefeld. Leider kannte ich damals noch nicht die Alternativstrecke über Leutasch und den Buchen- bzw. Mösernen Sattel ins Inntal. So stürzten wir uns trotz Verbotsschilder wagemutig den Zirlerberg hinunter. Warum dort ein striktes Fahrradverbot herrscht wurde mir schnell klar: Zumindest mein damaliges Rennrad war mit den beim Bremsen wirkenden Kräften überfordert und es riss eine Speiche. Ich dachte zunächst, dass ein Bowdenzug gerissen sei und steuerte sofort in einen Bremsweg für LKWs. Das hätte weitaus schlimmer ausgehen können! Wahrscheinlich war die ganze Aufregung daran Schuld, dass wir dann auch noch auf dem weiteren Weg nach Innsbruck unser Begleitfahrzeug verloren. Was nun ohne Handys? Wir entschlossen uns weiter zu fahren und so nahmen wir die Brennerstaatsstraße erst einmal ohne Begleitfahrzeug in Angriff. Landschaftlich wäre die Strecke ja wirklich sehr schön, der starke Verkehr – noch dazu im Hochsommer – trübt den Genuss allerdings ein wenig. Oben auf dem Pass hatten wir drei uns glücklicherweise wiedergefunden (vor allem unsere Begleiterin war sehr erleichtert). Nun hieß es nur noch Beine hängen lassen und nach Sterzing hinunter rollen.

Streckenverlauf: Mittenwald – Scharnitz – Seefeld – Zirl – Innsbruck – Brenner – Sterzing

3. Etappe: Sterzing – Arco

158 km / 2150 Hm

Vor dem dritten Tag hatten Thomas und ich gehörigen Respekt: beide noch keinen echten Pass gefahren und dann gleich so einen harten Brocken wie das Penserjoch. Doch die Angst war unbegründet. Es lief erstaunlich gut und wir erreichten noch vor der großen Mittagshitze die Passhöhe. Die Abfahrt nach Bozen beschreiben die folgenden Daten am besten: fast 2000 Höhenmeter auf 50km Länge. Für die unbeleuchteten Tunnels im unteren Teil sollte man entweder Beleuchtung mit dabei haben oder ein Begleitfahrzeug, das den Weg ausleuchtet.

Der weitere Verlauf bis Trento lädt zum Bestaunen der schönen Landschaft ein. Kurz vor Trento sind wir allerdings auf eine vierspurige Straße geraten, also rechtzeitig nach Alternativen umschauen. Über Vezzano ging’s dann weiter Richtung Gardasee. Ich kann mich nur noch daran erinnern, dass es kurz nach Trento mal einen längerer Tunnel mit ordentlicher Steigung gab und dass es anschliessend bis zum Gardasee hauptsächlich bergab ging.

Streckenverlauf: Sterzing – Penserjoch – Bozen – Trento – Vezzano – Arco

4. Etappe: Arco – Mantova

111 km / 300 Hm

Von dieser Etappe gibt’s nicht viel zu berichten außer Regen, Regen, Regen. So schön (und heiß) alle anderen Tage waren, entlang des Gardasees und weiter nach Mantova hatte der Wettergott kein Einsehen mit uns. Nach 110km hatten wir schließlich keine Lust mehr und schlugen unser Nachtlager in Mantova auf. Auf dem dortigen Campingplatz gab’s glücklicherweise die Möglichkeit, auch in einem Haus zu schlafen, unser Zelt hätte es sonst wohl weggespült.

Streckenverlauf: Arco – Garda – Peschiera di Garda – Valeggio – Mantova

5. Etappe: Mantova – Lama Mocogno

132 km / 1000 Hm

Tag 5 war im wesentlichen geprägt von der Poebenen. Kilometerlange kerzengerade Abschnitte waren zu bewältigen. Spätestens ab Reggio wurden wir aus dieser Monotonie gerissen. Da machen sich nämlich schon die Ausläufer des Apennin bemerkbar und es wird deutlich hügelig. Quartier schlugen wir auf einem Campingplatz mitten in den Bergen bei Lama Mocogno.

Streckenverlauf: Mantova – Suzzara – Gonzaga – Novellara – Reggio – Sassuolo – Vitriola – Lama Mocogno

6. Etappe: Lama Mocogno – Pisa

136 km / 2100 Hm

Am letzten Tag wollten wir’s nochmal wissen. Die Form stimmte, das Wetter war super und das Ziel war in Reichweite. So entschlossen wir uns, noch den Passo delle Radici mit ins Programm zu nehmen. Zwar ein kleiner Umweg, aber auf jeden Fall sehr lohnenswert, da dort kaum Verkehr herrscht und die Aussicht einfach grandios ist. Der Passübergang stellt gleichzeitig die Grenze zwischen der Emiglia-Romagna und der Toscana dar. Die Abfahrt ist gut 30km lang und kurvenreich. Über Castelnuovo erreichten wir bei starkem Rückenwind bald Lucca und somit wieder flaches Terrain. Da wir Lucca für einen Ausflug in der Folgewoche bereits vorgesehen hatten, ging’s gleich weiter auf die letzten Kilometer nach Pisa, direkt zum Schiefen Turm (für’s Album natürlich Pflicht ;-).

Von dem einen Regentag abgesehen war die Tour leider schon viel zu früh zu Ende. Wer nun Lust bekommen hat, eine ähnliche Route zu wählen, der sollte eventuell die eine oder andere Alternative mit weniger Verkehr suchen. Oder noch den einen oder anderen Pass einbauen. Oder … – Möglichkeiten gibt’s wohl unendlich viele auf dem Weg in den Süden!

Streckenverlauf: Lama Mocogno – Pievepelago – Passo delle Radici – Castelnuovo – Borgo – Lucca – Pisa

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